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12. Juli 2010
Geistlicher Impuls zu Lukas 10, 1-12
"Gehet hin in Frieden!"
Wenn ich mir die Ausstellungen bildender Künstler ansehe, bleibe ich gerne vor deren Selbstportraits stehen. Ich frage mich: Wie möchte der Künstler oder die Künstlerin von mir gesehen werden? Wie sehen sich diese Menschen und was zeigen sie von sich selbst?
In den Katholischen Kirchen wird am heutigen Sonntag weltweit ein Abschnitt aus dem zehnten Kapitel des Lukasevangeliums gelesen. In diesem Abschnitt erfahren wir, wie Jesus über sich selbst denkt. Und wir hören, wie er von seinen Jüngerinnen und Jüngern gesehen und abgebildet werden möchte.
Arbeiter für die Ernte
Der Evangelist Lukas schreibt: "Danach suchte der Herr zweiundsiebzig andere aus und sandte sie zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte. Er sagte zu ihnen: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden."
Diesen Abschnitt des Evangeliums beziehe ich nicht nur auf die Menschen, die einen besonderen Auftrag oder gar ein Amt in den christlichen Kirchen wahrnehmen, wenngleich sie selbstverständlich eine größere Verantwortung für die Gestaltung des Bildes Jesu übernommen haben.
Gesandte im Einklang mit Jesus?
An diesem Sonntag möchte ich mit Ihnen über eine Reihe von Fragen nachdenken. Zum Beispiel: Welches Bild sollen Christinnen und Christen von diesem Jesus Christus zeichnen? Und was lassen sie tatsächlich in ihrem Leben von ihm durchblicken? Sind sie Gesandte, die im Einklang stehen mit Jesus Christus, der sie aussendet? Gibt es noch genügend Übereinstimmung zwischen dem Originalbild, das Jesus während seines irdischen Lebens von sich selbst gezeichnet hat, und dem Bild, das Christen als Einzelne und als Gemeinschaft der Glaubenden von ihm abgeben?
Schauen wir zunächst auf das Bild, das Jesus von sich selbst gezeichnet hat. Das erste Motiv im Selbstportrait Jesu ist die Beziehung zu seinem Gott und Vater. Immer wieder macht Jesus deutlich, wie wichtig ihm während seines Lebens hier auf der Erde das beständige Gespräch mit diesem Gott ist. Dass er vor wichtigen Ereignissen betet, gehört zum Fundament seiner Botschaft und ist ein wesentliches Element seines Selbstportraits. Jesus betet und dankt für empfangene Gaben, er bittet um Segen und Heilung für die Menschen und ruft nach Beistand in schwierigen Situationen. Sein Beten bestimmt sein persönliches Profil.
Beziehung zu Gott
Jesus macht deutlich, wie sehr ihn seine intensive und innige Beziehung zu Gott prägt, leitet und orientiert. Vom Vater bekommt er seine Autorität, von ihm seine Macht und seine Zukunft.
Das zweite Motiv im Selbstbildnis Jesu ist seine Liebe zu den Menschen. Und die zeigt sich daran, wie er den Armen und Bedürftigen, den körperlich und seelisch Kranken, den Hungernden und Ausgestoßenen begegnet und vor allem, wie er an ihnen handelt.
Die liebende Beziehung zu Gott und zu den Menschen sind die zwei zentralen Motive im Selbstportrait Jesu, gleichsam zwei Seiten der einen Medaille.
Im heutigen Sonntagsevangelium nach Lukas beauftragt Jesus die 72 Jünger, zu beten. Er ruft sie auf, den Herrn der Ernte zu bitten, Arbeiter in seinen Weinberg zu senden. Er möchte, dass seine Jünger ihn als ihren Herrn und Meister darstellen; als jenen Messias, der weiß, wie sehr das Beten zu seinem Profil gehört und wie wenig er ohne seinen Gott und Vater zu tun vermag.
Es gibt viel zu tun
Im Weinberg gibt es viel zu tun, sagt Jesus. Das können wir in unserer heutigen Zeit genauso sagen: Es gibt in unserer Gesellschaft und in unseren christlichen Kirchen sehr viel zu tun. Wir wissen, wie wenig wir die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung abschätzen können. Wir erkennen, wie sehr damit Gerechtigkeit und Frieden, Freiheit und Wohlstand unserer Kinder und Enkel auf dem Spiel stehen. Wir spüren, wie sehr alle Menschen, die an Jesus Christus glauben, gefordert sind, ihre persönliche und kirchliche Glaubwürdigkeit wiederherzustellen.
Da stellt sich die Frage, wie Christinnen und Christen auf diese Situation reagieren. Fällt ihnen als Reaktion nichts Besseres ein, als an den Plakaten derer mitzuwirken, die wegen der vielen Aufgaben noch mehr Leistung fordern? Sind sie in den Ateliers derer zu finden, die nur um eine größere Effektivität und Effizienz der Menschen ringen, damit mit möglichst wenig Personal aus den Weinbergen unserer Zeit möglichst viel herausgeholt werden kann?
Oder haben Christen unserer Zeit im Blick, was Jesus Christus im Blick hatte: Dass ihnen ihr Auftrag, ihre Sendung, ihre Autorität und ihre Macht von Gott verliehen wurde? Haben sie im Blick, dass es nicht um Selbstdarstellung geht, sondern um die Darstellung Jesu; nicht um eine Vorführung in eigener Sache, sondern um die Verkündigung seiner Botschaft?
Gesandt, befähigt, orientiert
Wie die Jünger sind auch die Christen unserer Zeit gesandt, sich gemeinsam an Gott zu wenden, zu ihm zu beten. Er ist es, der die Menschen sendet; sie befähigt und orientiert.
Christinnen und Christen sind gesandt, Jesus Christus durch ihr Leben zu bezeugen. Dabei sollen sie sich am Selbstportrait Jesu orientieren. In diesem Bild, das sie von Jesus zeichnen, ist das Beten das erste wichtige Motiv; das zweite ist seine Liebe zu den Menschen, die von der Liebe zum Vater gespeist wird. Diese Liebe darzustellen, ist der zweite Teil des Auftrags, den Jesus seinen Jüngern mit auf den Weg gibt.
Zeugnis geben
Er sagte zu seinen Jüngern: "Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so esst, was man euch vorsetzt. Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe."
Das sollen die Jünger zeigen, indem sie gerade zu den Kranken und Schwachen, den Armen und Ausgestoßenen gehen. Dabei sollen sie alle Machtsymbole vermeiden. Durch ihren Lebensstil sollen sie zeigen, wie sehr sie auf Gott vertrauen. "Nehmt keinen Geldbeutel mit", sagt ihnen Jesus, "keine Vorratstasche und keine Schuhe! Grüßt niemand unterwegs! Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als Erstes: Friede diesem Haus!"
Durch die Art und Weise, wie sie auftreten, und durch das, was sie tun, sollen sie Zeugnis geben von einem barmherzigen und friedfertigen Gott und von Seiner Liebe.
Seid Zeugen!
Am Ende eines jeden Gottesdienstes werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausgesandt. Ein katholischer Gottesdienst endet mit dem Ruf: "Gehet hin in Frieden." Hinter diesem Ruf verbirgt sich nicht die Aussage "Der Gottesdienst ist vorbei: Geht nachhause und macht so weiter, als hättet ihr nichts gehört und gesehen, nichts geschmeckt und gespürt." Vielmehr steckt in diesem Ruf der Auftrag: "Gehet hin und verkündet das Evangelium des Herrn." Das heißt: Seid Zeuginnen und Zeugen Seiner guten Botschaft; stellt Seine Macht dar und nicht eure Herrschaft; dabei geht es gerade nicht um euren Kampf um Posten und Positionen.
Wenn es am Ende des Gottesdienstes heißt: "Gehet hin in Frieden", dann bedeutet das, dass die Christen wie die Jünger Jesu ausgesandt werden, von Gott ein Bild zu zeichnen, das dem Selbstbild Jesu Christi entspricht: Im Trubel des Alltags zu beten, statt in geschäftiger Hektik sich und andere zu jagen; weder auf Touchscreens noch auf Menschen einzuschlagen, wenn diese nicht so funktionieren, wie es von ihnen erwartet wird; die Augen offen zu halten für die Benachteiligten und Schwachen; denen Aufmerksamkeit zu schenken, von denen nichts zu erwarten ist; sich nicht in die Ghettos von Gleichgesinnten zurückzuziehen, sondern hinauszugehen und durch Reden und Denken, Fühlen und Handeln einladend zu sein.
| Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 22. Juli 2010 um 13:00 Uhr von Werner Stulier |


